Willkommen in der pädagogischen Steinzeit – Baden-Württemberg verbietet Lehrern Facebook-Nutzung

Das Land Baden-Württemberg verbietet ab sofort Lehrern die Nutzung von Facebook zur Kontaktpflege nicht nur mit Schülern und Eltern, sondern auch untereinander. Begründet wird das Verbot mit der “dienstlichen Verarbeitung personenbezogener Daten“ und den Daten der Schüler, die “keinesfalls auf amerikanischen Servern landen dürften”. Realitätsferner kann eine Entscheidung in der heutigen Welt kaum noch sein.

Es bleibt ein ständiger Kampf zwischen den zukunftsorientierten und technik-affinen Menschen, die neue Technologien analysieren und es schaffen, diese für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu nutzen und denjenigen Menschen, die sich entweder nicht in die Facetten eines Themas einarbeiten wollen oder können. Als Reaktion werden dann oft Sachen verboten, bei denen Aufklärung und Schulungen angebrachter wären.
Als Verbot will das Kultusministerium von Baden-Württemberg seine Anweisungen aber natürlich nicht verstehen. Nur als Unterstützung der Lehrer. Da stellt man sich natürlich als erstes die Frage, wie und warum die Lehrer unterstützt werden müssen. Ginge es in der Begründung um fragwürdige Kontakte zwischen Lehrern und Schülern, also eine private Kontaktaufnahme über soziale Netzwerke oder eine vermeintlich unüberschaubare Arbeitsbelastung durch ständige Erreichbarkeit der Lehrer auch in der Freizeit, würde die Formulierung zumindest im Ansatz Sinn ergeben. Ob diese dann auch bei genauerer Betrachtung stand hält, müsste eine Diskussion mit diesem Schwerpunkt zeigen.
Da es aber um die Daten der Schüler und vielleicht auch Lehrer geht, ist die erste Ebene dieser Diskussion eine technische. Und hier beginnen die Probleme. Mit einer geschätzten 99,9%igen Abdeckung unter Teenagern, ist vermutlich jeder Schüler einer Klasse bei Facebook. Auch viele Lehrer sind als Privatpersonen angemeldet. Einige Daten dieser Menschen liegen also bereits bei Facebook. Und täglich werden es mehr – auf freiwilliger Basis. Um welche Daten geht es also?

Lieber alles verbieten als zu differenzieren
Schaut man sich die offizielle Meldung genauer an, geht es hauptsächlich um personenbezogene Daten wie Noten, Adressen, Namen und ähnliches Angaben, die verständlicher Weise nicht in sozialen Netzen und vermutlich auch nicht per E-Mail kommuniziert werden sollten. Doch anstatt einen differenzierten Leitfaden – alias Social Media Guidelines – herauszugeben, verbietet das Ministeriums für Kultus, Jugend und Sport einfach jegliche Kommunikation über Server, die nicht im europäischen Wirtschaftsraum stehen. Ob dann deutsche Anbieter wie Xing (lassen wir ausser Acht, dass kaum ein Teenager bei Xing ist) und doctape (dt. Konkurrenz zu Dropbox) erlaubt sind bleibt offen. Somit ist ab sofort jegliche Kommunikation zwischen Lehrer und Lehrer, Lehrern und Schülern, in Foren und Gruppen und sogar auf Blogs verboten. Zwar ist es Schulen erlaubt Fanpages zu betreiben, diese dürfen aber nicht mit Schülern kommunizieren und keine Fotos und Namen veröffentlichen. Anfragen von Schülern und Eltern laufen damit vermutlich ins Social Media-Nirvana.

Social Media Guidelines gehören in jede “Organisation”
Für Menschen, die sich täglich mit Social Media auseinander setzen und die technischen und juristischen Fallstricke kennen, ist diese Reaktion kaum bis gar nicht nachvollziehbar. Jedes Unternehmen, das sich sicher in sozialen Netzwerken aufstellen will, holt sich das entsprechende Know How von aussen und erstellt Richtlinien – alias Social Media Guidelines – wie Mitarbeiter sich in der öffentlichen Kommunikation und im Internet verhalten sollen. Mitarbeiter die direkt mit der Kommunikation zu tun haben und Führungskräfte, werden im Umgang mit der neuen Technik geschult. Doch das Kultusministerium scheint von Unterricht und Schulungen nicht viel zu halten.

Neuland wird zur Verbotszone
Das Ministeriums für Kultus, Jugend und Sport hat damit bewiesen, was Internet-Spötter schon seit Wochen witzeln. Für viele politische Entscheider ist das Internet und Social Media noch Neuland. Das Kultusministerium geht sogar noch einen Schritt weiter und macht Facebook zur Verbotszone. Eine Unterweisung und ein Heranführen an einen verantwortungsbewussten Umgang mit der Technologie sieht anders aus.
Fanpages bieten – ab jetzt ist wohl die Formulierung “würde bieten” passender – Lehrern das passende Werkzeug um als professioneller und moderner Pädagoge mit den Schülern in Kontakt zu bleiben. Über Fanpages lassen sich hervorragend schulische Fragen zum Stoff oder organisatorische Dinge besprechen. Gruppen und Foren dienen dazu unterrichtsbezogene Dateien und Inhalte auszutauschen. Schüler könnten sich gegenseitig im Rahmen der Social Media Guidelines unterstützen. Klassenfahrten, Ausflüge, Sportveranstaltungen könnten koordiniert werden. Und das ganz auch ohne die Nennung von Daten, welche die sozialen Netzwerke nicht schon bereits besitzen. Doch davon sind wir mit der neuen Regelung wieder ein Stück weiter entfernt als vorher. Systematisch wird das Internet und auch Social Media ohne Rücksicht auf Studien und Expertenmeinung in Deutschland beschnitten, gekürzt und verboten. Und was einmal verboten ist, lässt so schnell nicht wieder erlauben. Wann kommt es endlich zu einem Paradigmenwechsel in der Politik? Wann kommt Deutschland endlich im 21. Jahrhundert an?

tl;dr
Anstatt eines Verbots hätte des Kultusministerium lieber die Lehrer im Bereich Social Media mit Schulungen und Social Media Guidelines sensibilisieren sollen. Ein Verbot katapultiert Lehrer und damit zu einem gewissen Teil auch die Schüler zurück in die Steinzeit. Moderne Bildung sieht anders aus und das Verbot nimmt Lehrern, Schulen, Eltern und Schülern die Möglichkeit schnell und unkompliziert zu kommunizieren.

Zusatz
Auch interessant bleibt immer noch die Frage, ob WhatsApp, Viber und das iPhone (iMessage) als bzw. auf Geschäftshandys und auch Mobiltelefone für alle Staatsbedienstete in Deutschland verboten sein müssten, da hier auch automatisch persönliche Daten ohne die Einwilligung Dritter an us-amerikanische Server übertragen wird. Dieses müsste dann auch für Lehrer bzw. Mitarbeiter jedes Ministeriums gelten. Apple iOS5 in Deutschland illegal?

Weiterführend Links:
Junge mit Ideen – Keine Angst vor Social Media
AllFacebook.de – Baden-Württemberg verbietet Lehrern die Nutzung von Facebook im beruflichen Umfeld

Update 24. Juli 2013
Eine Liste an Social Media Guidelines in Deutschland. So hätte das unter Umständen aussehen können.

Update 29. Mai 2016:
Immer noch stehen Schulen und pädagogische Einrichtungen mit der Digitlisierung und Social Media auf Kriegsfuß. Und das obwohl die Technik längst Einzug auf dem Arbeitsmarkt und auch den Kinderzimmer gehalten hat. Leiber verneint man die Ausmaße und macht die Technik per se zum Grund allen Übels.

Spannend hierzu auch der Artikel „10 Tipps, wie Schulleiter und Lehrer um die Digitalisierung herumkommen“ von Pirmin Stadler.

Ralf Bachmann

Aktuell: Leitender Online Projektmanager. Ausgebildeter Journalist & PR-Berater mit Faible Content-Marketing, Social Media, Unternehmenskommunikation und alles rund um Web 2.0.

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Ralf Bachmann

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Aktuell: Leitender Online Projektmanager. Ausgebildeter Journalist & PR-Berater mit Faible Content-Marketing, Social Media, Unternehmenskommunikation und alles rund um Web 2.0.

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