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Car2Gether – die dynamische Mitfahrgelegenheit von Daimler

Auch der Daimler Konzern arbeitet seit Sommer 2009 an einer dynamischen Mitfahrgelegenheit, welche es ermöglichen soll per Internet Fahrer und Mitfahrer zu verbinden und so nicht nur dem Geldbeutel sondern auch der Umwelt zu helfen. Car2Gether, ein System der Abteilung Business Innovation, soll dies in naher Zukunft ermöglichen. Michael Kuhn, Senior Manager von Business Innovation, erklärte bei einem Treffen in Stuttgart die genaue Funktionsweise des Systems.

Landflucht und Verstädterung sind seit der Industriellen Revolution ein Thema. Studien zeigen, dass seit 2008 mehr Menschen in den Städten leben als auf dem Land. Auch Studien der UNO vermuten, dass bis 2020-2030 zwei Drittel der Weltbevölkerung in Städten leben werden.
Gleichzeitig steigt der Bedarf an Mobilität und damit der Verkehr. Die Folge sind Staus, Umweltverschmutzung und verschwendete Ressourcen. Studien zeigen, dass durchschnittlich pro Auto nur 1,3 Sitzplätze belegt sind. Wir fahren also täglich freie Sitzplätze und damit ungenutzt Ressourcen spazieren.

Car2Gether will hier Abhilfe schaffen, in dem sich Fahrer und Mitfahrer durch das System zusammenbringen lassen und so kostengünstig ans Ziel kommen. Car2Gether setzt dabei gezielt auf die Vermittlung von Kurz- und Mittelstrecken, welche spontan in einem urbanen (städtischen) Gebiet gesucht und angeboten werden und will sich mit einem Relaunch im Februar 2011 noch deutlicher in der öffentlichen Wahrnehmung positionieren. Über die zwei seit Spätsommer 2010 laufenden Pilotprojekte in Ulm und Aachen und die Feedbacks der Nutzer, soll das System darüber hinaus kontinuierlich erweitert und verbessert werden.

Registrierung und Profil:
Die Nutzer müssen sich zunächst im System anmelden und sich die passende App (iPhone oder Android) herunterladen. Durch Zusendung eines Verifizierungscode an die angegebene Mobilfunknummer wird die Richtigkeit der Telefonnummer und damit die Sicherheit der Benutzer gewährleistet. Wer kein iPhone oder Android-Gerät besitzt, kann das System auch über jeden Smartphone- oder PC-Browser bedienen und steuern.
Nach der Anmeldung im System kann der Nutzer die Angaben in seinem persönlichen Profil vervollständigen. Es bleibt dabei jedem Nutzer überlassen, ob sensible Daten wie Mobilfunknummer oder Realname anderen Nutzern angezeigt werden. Zur Anrede im System kann zusätzlich ein Spitzname (Nickname) benutzt werden. Auch ein Photo des Nutzers ist optional. Wer jedoch mehr über sich preisgeben will und damit eventuell die Chance erhöhen will mitgenommen zu werden, der kann das Car2Gether-Profil mit seinem Facebook-Profil verlinken. Mit einem Klick können sich so potenzielle Fahrer oder auch Mitfahrer ein besseres Bild von dem jeweiligen Nutzer machen. Auch können sich nach einer Fahrt die Nutzer gegenseitig mit einem Sternesystem und Freitexten bewerten, so dass andere Nutzer wissen wie zuverlässig die jeweiligen Teilnehmer sind. Um Beleidigungen o.ä. zu unterbinden, wird jedoch der Freitext von Moderatoren kontrolliert.

Laut Michael Kuhn war die Anbindung an Facebook ein logischer Schritt. Oft würden Kunden bei neuen Projekten und Systemen eher davor zurückschrecken persönliche Angaben zur Personen zu machen. Die freiwillige Anbindung an das Facebook-Profil kann somit gerade im Anfangsstadium diese Profillücke auffangen.

Das System und die Funktionswiese:
Potenzielle Fahrer und Mitfahren geben alle nötigen Daten ihrer Fahrt, wie Start, Ziel und Zeit, in das System ein und der Server gleicht anhand der Daten die Route mit bereits vorhandenen Routen ab und gibt dann dem Nutzer Vorschläge, welche anderen Nutzer ebenfalls den gleichen Start- und Zielpunkt haben. Das System ist so programmiert, dass es alle Fahrten innerhalb einem Kilometer und jeweils 30 Minuten vor und 30 Minuten nach der eingetragenen Startzeit anzeigt werden. So hat jeder Nutzer ein geografisches und zeitliches Fester von einer Stunde und einem Kilometer. Wie Michael Kuhn erklärte, wurde und wird der Korridor im Pilot immer wieder auf die Wünsche der Nutzer angepasst.

Ist aktuelle kein passender Nutzer bzw. kein passendes Angebot vorrätig, speichert das System die Anfrage und informiert den Nutzer sobald ein passendes Angebot eingestellt wird, bzw. sobald sich ein anderer Nutzer für das eingestellte Angebot anmeldet.
Wie Michael Kuhn erklärte, wurde lange überlegt wie gross sowohl der zeitliche wie auch der geografische Korridor im System sein sollte. Nach einigen Tests und Pilotphasen wurde dann entschlossen den Korridor auf eine Stunde und einen Kilometer festzulegen. Dies lässt genug Spielraum für Spontanität und liegt innerhalb einer für Nutzer zumutbaren Entfernung.

Anbindung an Car2Go und den öffentliche Personennahverkehr:
Sollte ein Mitfahrer einmal kein passendes Angebot finden, so kann er in Ulm über die Car2Gether App auch Smarts des Partnerprogramms Car2Go buchen oder in Aachen auch den öffentlichen Personennahverkehr verwenden. Durch offene Schnittstellen werden dem Nutzer in der jeweiligen Stadt nicht nur die drei nächsten Car2Go Fahrzeuge angezeigt, sondern ab dem Relaunch
am 11.2. ebenfalls die nächsten Bus- und Bahnhaltestellen im Umkreis von einem Kilometer und die passenden Bus- und Bahnverbindungen der nächsten zwei Stunden.
Das App vereint damit, je nach Stadt, Mitfahrgelegenheit, Busplan und „Autovermietung“ und macht damit alle drei Mobilitätsarten gleichwertig und über die gleiche App nutzbar. Es versteht sich an dieser Stelle von selbst, dass sich die Busse nicht über das App „reservieren“ oder buchen lassen.

Update: Wie Michael Kuhn kurzfristig mitteilte, musste die Anbindung an den Aachener ÖPNV fürs erstes deaktiviert werden. Sollte ein Mitfahrer einmal kein passendes Angebot finden, so kann er in Ulm über die Car2Gether App auch Smarts des Partnerprogramms Car2Go buchen oder in Aachen in naher Zukunft auch den öffentlichen Personennahverkehr verwenden. Durch offene Schnittstellen werden dem Nutzer in der jeweiligen Stadt nicht nur die drei nächsten Car2Go Fahrzeuge angezeigt, sondern auch die nächsten Bus- und Bahnhaltestellen im Umkreis von einem Kilometer und die passenden Bus- und Bahnverbindungen.

Keine Push-Benachrichtigung:
Im Vergleich zu anderen Systemen gibt es bei Car2Gether keine Push-Benachrichtigung bei eingehenden Nachrichten oder Systemmeldungen. Der Nutzer wird je nach Wunsche per SMS und/oder E-Mail über eingehende Nachrichten im System informiert und muss sich dann per App oder per Browser in das System einloggen um die jeweilige Nachrichten lesen zu können. Dies hat zur Folge, dass es während einer begonnen Fahrt keine Benachrichtigung mehr gibt. Der Server von Car2Gehter hört auf nach passenden Mitfahrgelegenheiten zu suchen, sobald die Startzeit erreicht ist. Jeder Nutzer muss somit vor Antritt der Fahrt noch einmal kurz im System vorbei schauen oder sich eben per SMS und E-Mail benachrichtigen lassen um zu überprüfen, ob sich ein anderer Nutzer für die Fahrt angemeldet hat.

Keine Navigationsanbindung:
Car2Gether besitzt im Moment aus Gründen der Strassenverkehrsordnung und der Sicherheit aller Nutzer keine Navigationsanbindung und damit auch keine Push-Benachrichtigung während den Fahrten. Nach Michael Kuhn ist eine Navigationsanbindung bei Car2Gether im Moment nicht im Fokus, könnte jedoch in Zukunft gerade von einem Autobauer angeboten werden, wenn die Kunden dies wünschten. Sollte sich ein Mitfahrer doch noch während der begonnen Fahrt anmelden, erhält der Fahrer wie gewohnt per SMS oder E-Mail eine Benachrichtigung. Dabei wird der Fahrer bis zum errechneten Ende seiner Fahrt mit einer Reserve von 15 Minuten über neue Mitfahreranfragen informiert. Wird also die Ankunftszeit einer eingetragenen Stecke vom System auf 15 Uhr berechnet, erhält der Fahrer bis 15:15 Uhr Benachrichtigungen, ob ein anderer Fahrer bei ihm mitfahren möchte.

Kosten:
Während der Pilotphase ist sowohl die Registrierung wie auch die Nutzung komplett kostenlos. Eine Änderung ist bis jetzt noch nicht in Sicht. Wie Michael Kuhn erklärte, wird zwar im Moment bereits über eine Selbstfinanzierung des Systems nachgedacht, jedoch gäbe es bis jetzt keine konkreten Pläne. Sowohl Werbung wie auch bargeldlose Bezahlsysteme seien im Gespräche, würde aber im Moment nicht primär verfolgt. Es sei wichtig zuerst die Akzeptanz und die damit verbundenen Nutzerzahlen zu prüfen. Erst dann würde man sich seitens Daimler über die Finanzierung Gedanken machen, so Kuhn weiter.
Fahrer können jedoch bereits jetzt Geld von Mitfahrern verlangen. Das Car2Gether empfiehlt einen Richtwert von 1 Euro pro 10 Kilometer, wobei das System die vorgeschlagene Kosten bei längeren Fahrten anpasst um eine exponentielle Steigerung der Fahrtkosten zu verhindern. Der Fahrer ist jedoch in seinem Preis offen und muss auch keine Nutzungsgebühr an Car2Gehter entrichten.

Datenschutz:
Zum einen wird der Datenschutz dadurch aufrecht erhalten, dass Nutzer bestimmen können welche Informationen auch für angemeldete Nutzer sichtbar sind (z.B. Telefonnummer oder der richtige Name), zum anderen wird der Zugang für nicht angemeldete Nutzer komplett gesperrt. Wer sich nicht getraut seine privaten Daten anzugeben, dafür aber auf sein Facebook-Profil verlinkt, sollte bedenken, welche Daten dort veröffentlicht werden.

In Fahrten stöbern:
Angemeldeten Nutzern werden im System alle eingetragenen Fahrten der anderen Nutzer auf einer Karte angezeigt. Durch kleine Symbole werden Zeit und Himmelsrichtung der Fahrt angegeben. Klickt dann der Nutzer auf das jeweilige Profilbild, erscheint das Profil des anderen Nutzers und die nächste Fahrt. Die Idee dabei ist, dass auch Fahrten gebucht werden können, die auch ausserhalb des regulären Suchradius von einem Kilometer liegen. Durch eine Kombination mehrerer Transportmittel, kann man so ebenfalls zum Treffpunkt gelangen. Ein Beispiel könnte sein, dass ein anderer Car2Gether Nutzer zwar in die richtige Richtung fährt, aber einen anderen Start- oder Zielpunkt hat. Durch eine gute Bus- oder S-Bahnverbindung könnte man nun die fehlenden Kilometer überwinden, um die Car2Gether Mitfahrgelegenheit doch noch zu erreichen.

Rückfahrt und Serienfahrten:
Neu im System (vermutlich ab 11. Februar 2011) sind sogenannte Rückfahrten und Serienfahrten. Bei jeder Fahrt lässt sich einstellen, ob auf die angebotene Fahrt auch eine Rückfahrt erfolgt oder ob die Fahrt regelmässig stattfindet. Wer z.B. zum Einkaufen fährt und 30 Minuten später wieder zurückfährt, könnte einen anderen Nutzer aus der Nachbarschaft ebenfalls mit zum Einkaufen nehmen und auch wieder zurück fahren. Wer auf der anderen Seite jeden Morgen zur Arbeit fährt, muss nicht mehr jeder Fahrt einzeln eintragen, sondern kann per Kästchen markieren ob eine Fahrt regelmässig stattfindet.

Zukunftsaussichten:
Durch die Verstädterung der Bevölkerung kommt es zu einer immer grösser werdenden Anzahl an Menschen und Autos auf dichtem Raum. Grössere Städte wie z.B. London haben bereits angefangen durch Mautgebühren die Autos aus ihren Innenstädten zu verbanden. In Tokio dürfen nur Autos angemeldet werden, wenn der Besitzer einen Parkplatz vorweisen kann und auch in Deutschland wird durch Umweltzonen immer mehr Autos die Einfahrt in grosse Städte verweigert. Gleichzeitig steigt die Smartphone-Dichte immer mehr an. Bereits jetzt sind die Absätze für Smartphones höher als die der Computer. Darüber hinaus verliert das Auto langsam seine Bedeutung als Statussymbol. Bei einem Test gaben 30 Prozent der jüngeren Teilnehmer an lieber ein Smartphone als einen Leasingvertrag für ein Auto zu wählen. Die Zero-Cars-Households, also die Anzahl der Personen die komplett ohne Auto leben stieg in den letzten Jahren gerade in Grossstädten enorm an. So leben nach einer aktuellen Studie in New York 56 Prozent, in Tokio 48 Prozent, in Paris 43 Prozent und in Berlin 46 Prozent der Einwohner ohne Auto.
Alle diese Zahlen und Veränderungen machen Systeme wie ÖPNV, Mitfahrgelegenheiten, Car- und Ridesharing Angebote zu zukunftssicheren Bereichen.

Natürlich gibt es immer wieder Gegenargumente, die diese Entwicklungen in Frage stellen. Noch immer gibt es einen Grossteil der Jugendlichen, bei denen ein Auto nicht nur Ausdruck der Individualität und der Freiheit ist, sondern auch ein Teil ihres Charakters. Darüber hinaus lässt sich gerade in ländlichen Gegenden nur schwer auf ein Auto verzichten. Dennoch zeigen die Zahlen in eine bestimmte Richtung.

Herzlichen Dank an Michael Kuhn, Senior Manager der Abteilung Business Innovation des Daimler Konzerns, für das spannende und detaillierte Interview.

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