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GEMA-Gebühren für Kitas – warum eigentlich nicht?

Kitas sollen in Zukunft Gebühren bezahlen, wenn sie Liedtexte kopieren und diese von den Kindern singen lassen.

Auf Twitter und Co. wird zur Zeit wieder heiß diskutiert ob Kitas (Kindertagesstätten) GEMA-Gebühren für Weihnachtslieder zahlen sollen oder nicht. Der Stein des Anstosses ist eine Zahlungsaufforderung seitens der GEMA an die Kitas. Circa 36.000 Kitas in ganz Deutschland sollen doch ab Januar Gebühren bezahlen, wenn sie lizenzgeschützte Lieder bzw. Liedtexte kopieren und verteilen. Lässt man ausser Acht, dass der Spiegel mit dem Titel „Kitas sollen fürs Singen zahlen“ juristisch ungenau ist (es geht nicht ums Singen, sondern ums Kopieren), stellt sich die provokante Frage: „warum eigentlich nicht?
Warum sollen für Kitas anderer Regeln gelten als für alle anderen? Viele werden jetzt spontan sagen „weil es um Kinder geht“ oder vielleicht auch „weil die Kitas sowieso wenig Geld haben“.
Für einige Kommentatoren auf Spiegel.de scheint es aber auch allgemein gegen den Staat und seine „Einziehungssystem“ zu gehen. Von Kraken, Zwangs-Zunft-Ideen und kriminellen Handlungen seitens der GEMA ist hier die oft die Rede, ohne dies per Quellen und Fakten belegen zu können. Die Angst vor einer grossen Firma mischt sich mit der Wut, prinzipiell ungern Geld für mediale Produkte bezahlen zu wollen. Somit scheint, sobald es sich um verhasste Firmen wie die GEZ oder die GEMA handelt, Widerstand für einige fast schon zur Bürgerpflicht zu werden. Kommen dann noch Kinder ins Spiel, scheinen auch Gesetzesverstöße legitimiert zu werden.

Welche Argumente sind gut und welche sind schlecht?

Was soll eigentlich das ganze wissenschaftliche + juristische Geschwätz was rechtens und nicht rechtens ist? Es geht doch hier um Kindergartenkinder und nicht um Gesangsprofis auf der Bühne! (Quelle)

Im Zeichen der Kinder scheinen Verträge und Gesetze belanglos. So scheint für einige Kommentatoren die GEMA ganz klar im Unrecht zu sein, weil sie „gerne“ die Gebühren einziehe. Als sei die GEMA ein Mensch, der nach dem Lustprinzip handelt oder eine Organisation, welche sich „gerne“ das Geld von armen Kinder holt. Eine gefühlte Personifizierung hilft bei der Verteufelung. Auch scheint für viele das gesellschaftlich weit verbreitet Verhalten Musik und Lieder zu kopieren als Freibrief zu gelten. Nach dem Motto, „wenn es nur genug machen, wird es legal“. Nach dieser Überlegung müsste man nur genug Bank überfallen, damit es für alle irgendwann legal wird. Eine sehr kritischer Argumentationskette.

Gleiches Recht für alle:
Jeder der Liedtexte weitergibt, egal ob gegen Geld, Eintritt oder kostenlos, muss dafür Gebühren bezahlen. Künstler, soweit sie Mitglieder bei der GEMA sind, möchten gerne Geld sehen, wenn ihre Lieder öffentlich aufgeführt werden. Ob in der Disco, auf dem Volksfest oder auch im Kindergarten.
Auch interessant ist, dass Schulen bereits Rahmenverträge mit der GEMA haben, die ihnen das kopieren von Texten erlauben. Hier scheint die Internetgemeinde offenbar keine Probleme zu haben. Der Hauptargument richtet sich also fast ausschließlich gegen die „Kita-Abzocke“.
Aber wo liegen die Grenzen? Was sollen Kindergärten dürfen und was nicht? Sind Liedtexte für den internen Gebrauch oder auch Liedtexte für Eltern daheim erlaubt? Wo sind die Grenzen? Wie sieht es mit Musik-CD’s zum Üben aus? Dürfen diese CD’s von den Kindern dann mit nach zu hause genommen werden? Warum müssen Schulen bezahlen und Kitas nicht? Wie sieht es mit Behindertenheimen aus? Könnte man die Lizenzgebühren nicht auch für PC-Software abschaffen? Jede Kita darf wegen Geldmangel Microsoft Office oder Coral Draw legal kopieren ohne die Software zu kaufen und Arbeitsplatzgebühren zu zahlen. Wäre das nicht auch gut für den Finanzhaushalt der Kitas und damit für die Kinder? Das freie Geld könnte in Personal oder Material investiert werden.
Es würde viel zu weit gehen an dieser Stelle automatisch Kitas und Schulen als zukünftige legale Raubkopierer anzuprangern. Man könnte den Spieß aber auch umdrehen und fragen, wie man das Geld wieder an die Kitas zurückführen kann? Jeder Leser und Kommentator schimpft auf die GEMA, aber die Künstler, die das Geld bekommen, fragt niemand. Diese könnten, so utopisch es klingt, auch ihre Lieder kostenlos für gewisse Einrichtungen und Anlässe zur Verfügung stellen. Madonna, ein US-Rapper oder ein Eigentümer der St.Martinslieder könnten ihre Lieder für alle Kindergärten und deren Aufführungen erlauben. Oder sie könnten die GEMA-Gebühren zwar erhalten, dann am Jahresende aber wieder per Spenden zurückführen. Leider findet dies bis heute kaum oder nur in Ausnahmefällen statt.

Kein Verbrechen ohne Nutzen?:
Ein anderer Kommentator schreibt, dass seine Tochter im Kindergarten gar nicht lesen könnte und ihr somit die Kopien gar nichts nützen würde und damit das Kopieren eigentlich nicht schlimm wäre. Dürfte dann jeder Blinde Filme kopieren, jeder Taubstumme Musik kopieren und jeder Bürger ohne Führerschein Autos stehlen? Solange der Einzelne keinen Nutzen aus dem Verbrechen ziehen kann, ist es also kein Verbrechen. Ob der Bestohlene bzw. das Opfer auch so denkt?

Die Argumentationsketten scheinen schier endlos und treiben teilweise merkwürdige Blüten. Durch die grösse der GEMA, die fehlende Transparenz und die Bezahlpflicht scheinen viele Bürger mit den Lizenzgebühren Probleme zu haben. Für manche Kommentatoren soll sogar der Staat ein GEMA-Verbot aussprechen und damit zwangsläufig den Rechtsstaat und sogar internationale Verträge brechen. Und das alles unter dem argumentativen Deckmantel der Kinder.
Fakt ist, dass Kitas und allgemein Kindereinrichtungen immer zu wenig Geld haben. Liedgut und andere Texte jedoch zu einer soliden und gründlichen Ausbildung gehören. Es wird vom Staat gefordert die Kinder durch das staatliche Schulwesen auf die Arbeitswelt vorzubereiten. Aber kann dies mit einem staatlich geduldeten Lieddiebstahl wirklich geschehen? Welches Signal würden wir unseren Kindern geben? Der Zweck heiligt nun mal nicht die Mittel. Auch wenn das einigen Eltern nicht gefällt. Auch Kinder und Einrichtungen für Kinder unterliegen dem Rechtsstaat. Egal ob die GEMA einen Wasserkopf hat oder unbeliebt ist.

Es geht auch ohne Lizenzen:
Die Piratenpartei hat im Gegenzug zu einer früheren Diskussion um St. Martinslieder ein lizenzfreies Liederbuch zusammengestellt (auch Weihnachtslieder), welches Kindergärten ohne Gebühren kopieren und singen dürfen. Eine Art Freeware-Lieder-Liste, die von einigen Bloggern als heroischer Sieg über die böse GEMA gefeiert wird. Endlich wurde der Riesenkrake ein Schnippchen geschlagen, so meinen Einige. Dabei ist es nur eine clever ausgewählte Sammlung an kostenlosen Liedern, welche einfach nach heutigen juristischen Gesichtspunkten zusammengestellt wurde. Clever ja – heroisch nicht wirklich. Sonst müsste jede Freeware-Homepage im Internet als heroischer Kampf gegen Softwareriesen gesehen werden. Die längst überfällige Liste hat jedoch gezeigt, dass mit Erfindungsreichtum und Cleverness des System nicht bekämpft werden muss, sondern legal ausgetrickst werden kann. Diese Erkenntnis ist deutlich mehr wert, als den Rechtsstaat mit teils scheinheiligen Argumenten über die armen Kinder zu biegen oder gar zu brechen und gibt auch an unsere Kinder ein deutlich besseres Signal. Bildung und Rechtschaffenheit beginnt beim Vorleben!

UPDATE I (29.12.2010):
Das GEMA Bashing auf Twitter und Co. scheint seinen gewohnten Gang zu gehen. Erst werden die Worte Anschreiben umgewandelt zu Abmahnung, dann werden die Beleidigungen auf Twitter verstärkt, Antwortversuche seitens der GEMA werden als armseliges rausreden bezeichnet und viele Tweets unkritische retweetet. Die Muster sind immer die gleichen. Der Ton verschärft sich, ohne dass es neue Fakten gibt. Der Shitstorm ernährt sich selber.
Dann steigen auch die politischen Parteien ein und versuchen daraus Kapital zu schlagen. Die SPD schreit mit “Wir lassen uns das Singen in den Kitas nicht verbieten ...” laut dagegen, sagt aber in gleichem Atemzug, dass die Städte und Gemeinden dafür bezahlen sollen. Die Grünen titeln reißerischen “Gema will fürs Singen in Kitas kassieren“, ist aber gleichzeitig dafür per Rahmenvertrag die Bezahlung doch durchzuführen. Schön in der ersten Hälfte der Aussagen dem Shitstorm recht geben und am Ende doch den finanziellen Forderungen nachkommen.
Auch werden immer schöne die GEZ mit der GEMA vermischt. Frei nach dem Motto: “Die wollen Geld also sind sie eh alle gleich.” Dass diese Firmen von der Idee her ganz unterschiedlich Sachen bearbeiten spielt im Shitstorm keine Rolle mehr. Sätze wie, “ich schauen kein Fernseher mehr warum soll ich GEMA zahlen” sprechen für sich. Genauso interessant wäre es, wenn es die GEMA oder andere vergleichbare Organisationen plötzlich entschliessen würden, keine Gebühren mehr von Einrichtungen ihre Wahl einzuziehen. Wer trifft diese Auswahl? Und wie reagieren die Künstler, wenn plötzlich weniger Geld bei ihnen ankommt? Aussagen wie “GEMA Gebühren für Kindergärten? Wie tief kann Abzocke sinken? (ein Hoch auf Kinderfeundlichkeit)” zeigen, wie wenig das Gesamtsystem und alle Folgeerscheinung hinterfragt werden. Leider ist es nicht damit getan einfach die Geldforderungen zu stoppen um alle glücklich zu machen.

Siehe auch: Singen erwünscht – illegales Kopieren verboten

UPDATE II:
Ich wurde darauf aufmerksam gemacht, dass mein Artikel dahingehend falsch ist, dass es sich nicht um die GEMA sondern um die VG Musikedition handelt, welche die Gebühren einziehen will. Allerdings wird in der Welt berichtet, dass…

Da das Unternehmen VG Musikedition sehr klein sei, habe es die bundesweit gut vernetzte Gema um organisatorische Unterstützung bei den Lizenzverträgen für die Liedblatt-Kopien gebeten, sagte Müller.

Des weiteren sind laut quer-Blog die Vorsitzenden ein und die gleiche Person: Dr. Axel Sikorski.

UPDATE III:
Laut Twitter ist neben Dr. Axel Sikorski auch Dagmar Sikorski involviert. Sie ist nämlich Mitglied im Aufsichtsrat der GEMA und auch Gründungsmitglied der Stiftung „Kinder brauchen Musik“. In welchem familiären Verhältnis Frau Sikorski zu Alex Sikorski steht ist nicht bekannt. Beide sind jedoch beim Sikorskiverlag, der laut quer Video einer der größten Verlage für Kinderlieder ist, in der Führungsetage. Dies zeigt auch das Video (ab 4:00 Min) deutlich.

Anmerkung in eigener Sache: Ich habe gesehen, dass Twitter-Nutzer wie z.B. Tom_Tucker_DE meine Homepage hier per retweet und reply in Twitter “verteilen”. Mit diesen Personen habe ich nichts zu tun und ich kenne sie auch nicht. Meinen Twitter-Account findet ihr unter “baetschman_de”. Das ist der einzige Account, welchen ich habe und nutze. Ausserdem möchte ich sagen, dass ich keine Mitarbeiter der erwähnten Firmen bin.

2 thoughts on “GEMA-Gebühren für Kitas – warum eigentlich nicht?”

  1. Genau – was für ein Mist die Presse mal wieder verzapft hat…. wer hat eigentlich die erste Falschmeldung gebracht? Das haben dann alle abkopiert.

    Die Politiker sollen auch mal ihr populistisches Gehabe verkneifen – die kritisieren etwas, das niemals stattgefunden hat. Warum? Klar, weil Sie rein aus des Volkes Seele sprechen, damit diese die Partei wählen….

    Noch weitere Punkte die gegen illegales kopieren von urheberrechtlichen Werken (gekaufte Liederbücher) sprechen:
    – darf die KITA einen Ausflug machen und das Eintrittsgeld am privaten Spielepark verweigern?
    – darf die KITA verweigern die Müllabfuhr zu bezahlen?

    Ach und dem lieben Referent Martin Peters vom Paritätischen Wohlfahrtsverband, der indirekt auffordert illegal zu kopieren: Ich kopiere mal ein paar 50 EUR Scheine und bezahle nun damit die KITA meiner Tochter 🙂

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