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Twitter und Co. – „Ein guter Tweet und ein gutes Pils dauern fünf Minuten.“

Vor ein paar Tagen habe ich auf Twitter mit einem Grinsen gefragt, ob man nicht einen IQ-Test für DSL einführen könnte, damit das Internet nicht auf Stammtischniveau abrutscht.
Gestern fragte Martin Müller auf teltarif.de provokant: „Editorial zu #goebombe: Brauchen wir einen Twitter-Führerschein?
Auslöser waren die unzähligen Falschberichte auf Twitter zur ungeplanten bzw. verfrühten Explosion einer Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg, wobei leider drei Personen aus dem Team des Kampfmittelräumdienstes Niedersachsen ihr Leben verloren.
Der Autor beschreibt in seinem Artikel wie schon wenige Minuten danach unzählige unwahre, verfälschte, nicht nachrecherschierte, erfunden oder sogar geschmacklose und makabere Tweets die Runde machten.
Waren es um halb 10 noch Tweets in Konjunktiv so mischten sich diese anscheinend bald mit unseriöse und verstümmelte Re-Tweets:

Binnen ganz weniger Minuten mischten sich aber leider auch unverantwortliche Nutzer darunter, die aus Unerfahrenheit, Geltungsdrang oder sonstigen Gründen “vergaßen”, ihre wenig belastbaren Informationen in den Tweets als Gerüchte und wage Informationen darzustellen. Da wurde aus einem “könnte” ein “war” und schon war der Tweet “laut bekanntem bei feuerwehr war es ne gasleitung, NICHT die #goebombe” veröffentlicht. Der gleiche Nutzer hat Minuten später gar komplette Unwahrheiten getwittert (“mit bekannter in weender landstraße telefoniert, 2 Häuser weiter is ne Fassade runtergekommen…”). In der oben beschriebenen Situation wurden diese beiden Tweets massenhaft weiterverbreitet. In diesen Retweets wurde zum Teil die Information weiter verkürzt, fast immer wurden etwaige Relativierungen dabei noch weiter zusammengestrichen.

Leider so schien es, fielen auch professionelle Journalisten auf die Aussagen herein und übernahmen diese teilweise ungeprüft. Ob dies nun aus Zeit- oder Finanzdruck geschah bleibt offen. Martin Müller plädierte darum auch für eine „Entschleunigung der Medienwelt

Gerade in solchen Sonder- oder Extremsituationen, wie ich sie am Dienstagabend in Göttingen erlebt habe, müssen es aber korrekte Informationen sein. Man darf eben nicht mit Gerüchten und Halbwahrheiten oder gar Lügen weiteres Chaos stiften.

Eine Forderung die meiner Meinung nach leicht utopisch ist.
Dank Twitter, Facebook und Co. verkommt das Internet immer mehr zum internationalen Stammtisch. Leute die früher bei drei Bier in der Stammkneipe grosse Reden schwangen, können jetzt ihre „Weissheiten“ übers Internet in die ganze Welt schicken. Lügen, Halbwahrheiten und bis aufs schändliche vereinfachte Sachverhalte machen genauso die Runde wie dreckige, geschmacklose und rassistischen Kommentare und Witze. Jetzt haben all diejenigen denen sonst niemand zuhört die Chance sich Gehör zu Verschaffen. Nicht der professionelle sinnvolle Inhalt spielt eine Rolle, sondern nur die frechste und schnellste Veröffentlichung.
Dies scheint auch auf Journalisten abzufärben:

“Belastbare Informationen sind König!” Dies gilt umso mehr für alle professionellen Medienschaffenden, entsprechende Quellen zu hinterfragen und im Zweifel einmal mehr zu recherchieren als vorschnell einen Beitrag über den Ticker oder den Fernsehkanal auszustrahlen. Dieser Satz gilt aber ganz genauso auch für alle Privatleute, die sich Mediendiensten wie dem Internet, E-Mail, Chat oder Social-Web-Plattformen wie Twitter und Facebook bedienen, um Freunde, Bekannte oder die breite Öffentlichkeit zu informieren. Dieser häufig auch als Bürger-Journalismus bezeichnete Bereich sollte im Bereich Recherche und Korrektheit der Informationen nicht mehr schlampen dürfen als ordentliche Medien.

Leider ist nicht jeder „Schreiberling“ ethisch in der Spur. Fällt ein angestellter Journalist aus dem Rahmen weisst ihn sein Chefredakteur darauf hin. Diese Qualitätskontrolle fehlt bei Twitter und Co. komplett. War dies seit den Anfänge des Web 2.0 die grosse Chance einen freien, ungefilterten und eventuell auch unzensierten Journalismus zu gewährleisten, scheint es heute zur Gefahr zu werden.
Unkontrolliert scheint die neue Generation im Netz alle Infos zu übernehmen. Waren früher die „2.0 Blogger“ und vielleicht auch ihre ersten „2.1 Web-Kinder“, zumindest in ihrer eigenen Vorstellung, professionelle Journalisten mit dem Luxus der Freiheit, so scheinen die neuen Web 2.2 Autoren lediglich Schreihälse am Online-Stammtisch zu sein, welche einfach eine Meinung oder eine Info ins Netz schreiben ohne die Konsequenzen zu bedenken. News werde erfunden oder weitergeben ohne nur einmal „Onkel Google“ oder das eigene Gewissen zu befragen.
Bei solchen Auswüchsen scheint es nicht verwunderlich wenn Trigema-Chef Wolfgang Grupp Twitter-Nutzer als Idioten bezeichnet:

Im Interview mit den Machern der Internetseite www.innovativ-in.de wurde Grupp zitiert: “Twitter ist für mich einfach nur dumm, und die Menschen, die das nutzen, sind für mich Idioten.”
Quelle: onlinekosten.de Newsmeldung “Trigema-Chef: Twitter-Nutzer sind Idioten

Martin Müller sucht die Schulde aber auch ganz klar bei den Lesern von Twitter:

Etwas Kritik müssen sich aber sicherlich auch die Konsumenten der Tweets und Informationen im Internet gefallen lassen: Hätten sie nicht zum Beispiel mit immer wieder erfolgten Seitenhieben auf die angeblich so langsamen und schläfrigen alten Medien, die Twitter-Gemeinde zum schnellen Posten neuer Tweets angestachelt, so wäre mancher Tweet vielleicht mehr überdacht oder hinterfragt worden.

Die „2.2 Nutzer“ scheinen Infos immer schneller zu wohlen. Die Illusion des Internet Infos dann zu liefern, wann es die Leute wollen scheint darin zu gipfeln, dass Leute nach Infos schreien auch wenn die Aktionen noch gar nicht oder erst gerade stattgefunden haben. Das Warten auf geprüfte Infos scheint veraltet. Frei nach dem Motto: „Ich will Infos zum Thema XY! Wenn du keine hast dann erschaffe sie. Hauptsache ich muss nicht Warten.“
Allgemein scheinen in unserer heutigen Zeit die Leute das Warten verlernt zu haben. Aber eben auch im Online-Journalismus gilt, dass Qualität Zeit braucht.
Medienkompetenz aller Nutzer, sowohl der Schreiber wie auch der Leser scheint das A und O zu sein. Früher erzählt man sich Geschichten auf dem Pausenhof um im Mittelpunkt zu stehen, heute twittert man. Früher erzählte man die Geschichten im Freundeskreis weiter, heute re-tweetet man diese. Medienkompetenz würde dafür sorgen, dass alle Beteiligten sich der Tragweite ihrer Veröffentlichungen bewusst werden, aber auch den Lesern beibringen, dass man auf gute Infos eben warten muss.

Was wir aber ganz sicher brauchen, ist das Bewusstsein jedes Einzelnen, sich der Verbreitungswirkung und -macht der neuen Medien bewusst zu sein. Wer dies einmal erkannt hat, wird schon zu seinem Selbstschutz über diese Medien keine leichtfertigen Halb-Wahrheiten posten, sondern darüber mit Freunden, Bekannten und der Öffentlichkeit in einer Art und Weise sprechen, wie er dies auch im herkömmlichen Leben tut. Werte und Regeln der “guten alten old economy” gelten eben auch in der neuen und manchmal verdammt schnellen und harten neuen Medienwelt weiter!

Bei allen diesen negativen Punkt sollte man aber dennoch nicht vergessen wieviel gutes das Web 2.0 in sich birgt. Kritische Journalismus aus Ländern mit Zensur, bis hin zu demokratischen Bestrebungen in Iran oder China. Wie immer gilt, dass das Web 2.0 „nur“ Möglichkeiten eröffnet. Wie man diese dann nutzt entscheidet über den Mehrwert.
Je besser man sich damit auskennt, umso mehr kann man zwischen unprofessionellen und richtigen Information trennen. Der Umgang mit einem Werkzeug entscheidet also über seinen Nutzen für Gesellschaft. Wer das verstanden hat, bezeichnet Twitter-Nutzer auch nicht als Idioten und Web 2.0 Autoren als Träumer.
Und vielleicht sollte man sich einfach mal überlegen Blogs und Twitter-Seiten, welche die Unwahrheit sagen einfach nicht mehr zu lesen. „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, auch wenn er dann die Wahrheit spricht.“

In wie weit sich der Bürgerjournalismus hier selbst kannibalisiert bleibt offen. Auswüchse wie diese hat es zu allen Zeiten in allen Medien geben. Dank dem Web 2.0 und den gesunken Zugangshürden scheint es nur leichter. Früher brauchte man Geld heute reichen drei Klicks und man hat einen anonymen Blog auf dem man alles schreiben kann. Doch auf Dauer setzt sich Qualität durch. Professionelle Journalisten die jetzt nur zu gern das Ende der „Blogger-Konkurrenz“ sehen, sollten mit ihren Unkenrufen etwas zurückhaltender sein. Auch ihr steht weiterhin unter Beobachtung und habt Qualität zu erbringen 🙂

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