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Plagiate und der Niedergang der akademischen Kultur

Guttenberg, Koch-Mehrin, Chatzimarkakis und jetzt auch Bernd Althusmann – überführte „Plagiatoren“, so scheint es zumindest auf den ersten Blick. Armeen von Freiwilligen haben die jeweiligen Doktor- und sogar Diplomarbeiten untersucht und sind dabei auf Ungereimtheiten und teilweise grobe Regelverstöße gestoßen.

Es scheint in den letzten Monaten Mode geworden zu sein, die diversen Abschlussarbeiten von Politikern wieder näher zu untersuchen. Warum ausgerechnet Politiker aus dem konservativen Lager davon betroffen zu sein scheinen bleibt unbeantwortet und spielt eigentlich auch keine Rolle – Fehler bleiben Fehler. Fest steht, dass immer mehr Doktoren um ihren Titel fürchten müssen. Im Falle des ehemaligen österreichischen Finanzministers Karl-Heinz Grasser wurde sogar seine Diplomarbeit aus den Tiefen des Archivs ausgegraben und untersucht. Diese wies zwar keine Plagiatsverstösse auf, jedoch grobe Fehler im Text.

Dr. Stefan Weber, Medienwissenschaftler aus Salzburg, hat in einem längeren Artikel in „die Zeit“ („Wer nur ein bisschen umschreibt, der denkt nicht“) den Fall Althusmann näher beleuchtet. Seiner Meinung nach untergräbt die fehlerhafte Disserationen von Bernd Althusmann den Ruf der Wissenschaft, ja sogar die Wissenschaft an sich. Diese Bewertung ist prinzipiell nicht falsch, schiesst aber weit über das Ziel hinaus.
Der „nicht-akademische“ Leser erhält den (medialen) Eindruck, dass alle Fälle bei denen der Doktortitel aberkannt wurde auf Regelverstöße, Betrugsfälle oder sonstiges Fehlverhalten zurück zu führen sind. Es entsteht darüber hinaus der Eindruck, dass es sich bei „den Herrn Doktoren“ (klassische Verallgemeinerung) um einen „Haufen“ von Betrügern handelt. Hört man sich am Stammtisch etwas genauer um, ist dies natürlich Öl ins Feuer der Demokratie-Verdrossenen und Politik-Skeptiker (und vielleicht auch derer die der akademischen Elite schon immer ablehnend gegenüber standen).

Am eigentlichen Problem vorbei
Der eigentliche Fehler liegt jedoch viel näher als man denkt – im System. Warum, so muss man sich fragen, wurden diese Arbeiten nicht durch das System heraus gefiltert? Dr. Stefan Weber schreibt in seinem Artikel lange über die Verfehlungen der Dissertanten und bringt im zweiten Atemzug auch durchaus gute Verbesserungsvorschläge. So spricht er sich dafür aus, keine Wikipedia Quellen zu verwenden und „Vergleichs-Ab-Zitate“ nur zu verwenden, wenn es um Ideen und Gedankengänge geht und keine Aneinanderreihung von „Vergleich-Ab-Zitaten“ zu betreiben. Vorschläge die alle sinnvoll sind und bereits von zahlreichen Universitäten durchgesetzt werden. Der eine oder andere Student dürfte sich bereits jetzt fragen, welche niedrigen Standards anscheinend bei manchen Universitäten für Doktorarbeiten gelten, wenn diese mit Quellenangaben und lückenhaften Schreibstilen angenommen werden, die bei jeder studentischen Seminararbeit (10-20 Seiten) bereits verboten sind. Und genau hier liegt die eigentlich Quelle des Problems.

Der Fehler liegt im System
An manchen Universitäten scheint die Kontrolle der Doktorarbeiten so lückenhaft zu sein, dass minderwertige Arbeiten die Schranken ungehindert passieren können. Jetzt da einige dieser Arbeiten auffallen und aus den Archiven geholt werden, entrüstet sich jeder über die niedrige Moral der Dissertanten. Dabei werden nicht nur grobe Fälle wie der von Karl-Theodor zu Guttenberg sondern auch schlicht weg schlecht geschriebene Arbeiten wie die von Bernd Althusmann in den gleichen Topf geworfen. Arbeiten, die damals mindesten von zwei Personen gegengelesen und benotet wurden oder hätten werden sollen. Natürlich können Betrugsfälle oft erst nach Jahren erkannt werden. Doch schlechte Arbeiten ohne erkennbare Eigenleistung muss das geschulte Professorenauge sofort erkennen. Sollte der Doktorvater als erste und wichtigste Instanz versagen, sollte es immer einen Zweitleser geben, der auch den Mut hat, die Bewertung des Doktorvaters in Frag zu stellen. Doch auch diese Instanz scheint im Fall von Bernd Althusmann und anderen Fällen nicht gegriffen zu haben.

Von Kollegenschelte keine Spur
Anstatt jetzt zu überprüfen welche Kontrollinstanz hier versagt zu hat, wird auf den Dissertanten und seine moralische Verfehlungen hingewiesen. Natürlich ist ein 30 oder 40jähriger Dissertante moralisch nicht mir einem 14jährigen Schüler, der bei einer Mathematikarbeit abschreibt zu vergleichen. Dies dürfte jedem klar sein. Doch wenn die ganze Klasse plötzlich 1er Noten schreibt oder der Lehrer das Diktat mit dem Rücken zu Klasse abhält, würde keiner die Schüler verantwortlich machen, sondern den Lehrer. Ein Türsteher, der seiner Aufgabe die Sicherheit in der Discothek zu gewährleisten nicht nachkommt, würde von seinem Posten entbunden oder zumindest zu einem Mitarbeitergespräch einbestellt.
Im akademischen Zirkel scheint davon keine Spur zu sein. Ein akademische Qualitätsdebatte findet kaum bis gar nicht statt. Weder werden die Doktorväter zu einem Statement gebeten, noch werden die Regelments für Doktorarbeiten und die Lupe genommen. Der Volksmund kennt das Sprichwort: „Eine Krähe pickt der anderen kein Auge aus.“ Genau dies scheint sich hier zu bewahrheiten. Auch im Artikel von Dr. Stefan Weber wird nicht ein Mal das akademische System als Fehlerquelle identifiziert. Die alleinige Verantwortung liegt in den Augen der Professoren beim Dissertanten.

Der eigenen Verantwortung bewusst sein
Diese Lossagung von der eigenen Verantwortung scheint nicht nur realitätsfern sondern untergräbt auch systematisch das Vertrauen in den akademischen Berufsstand. Fast möchte man sagen, dass es nicht die Dissertanten, sondern die Professoren und Prüfer sind, welche die Wissenschaft in Verruf bringen. Die lückenhafte Kontrolle der Professoren schadet dem Ruf der Wissenschaft und damit der Wissenschaft an sich mehr als die Betrugsfälle.


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Natürlich würde es zu weit gehen, das Pendel nun auf die andere Seite schwingen zu lassen und den Dissertanten nun mehr von jeglicher Verantwortung befreien. Dieser muss natürlich wie jeder andere Mensch höchste Anforderungen an sich selbst und seine akademische Arbeit stellen. Dies ist eine Verantwortung, die trotz kritische Systembetrachtung nie verschwindet.

Fazit:
Dann wenn jeder Akademiker und jeder Bürger sieht, dass sowohl der Dissertant, wie auch der Doktorvater ihren Aufgaben genügen wird der Wissenschaft das Vertrauen entgegengebracht, die sie gerne hätte. Beide Parteien sind Teil des Ganzen und jeder ist Totengräber oder Bewahrer der wissenschaftlichen Reputation.

Tagesschau.de: Plagiatsaffären im Überblick – Wer hat abgeschrieben?



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